Mechtilde Lichnowsky, mit ihrem „Überhund“ im Exil
Günter Häntzschel
Fr, 23.10.2020, 10.30 10.45

Aufzeichnung mit anschließender Diskussion

Obwohl Mechtilde Lichnowsky nicht aus Deutschland vertrieben wurde, sondern 1930 freiwillig an die französische Riviera gezogen war, gleicht ihr siebenjähriger Aufenthalt bis 1937 in Cap d’Ail der Exilsituation, und mit Recht steht ihr Name auf der ersten Emigranten-Gedenktafel in Sanary. Ein Großteil ihrer Veröffentlichungen widmet sich Tieren und Mensch-Tier-Beziehungen. Der autobiografische Roman An der Leine stellt eine Symbiose von Mensch und Hund dar, die ihr in den konfliktreichen heimatlosen Jahren im Gegensatz zum Verlust menschlicher Bindungen Orientierung und Schutz verleiht. Damit weicht dieser Text entschieden von herkömmlichen Hunderomanen ab. Schildern deren Autoren das Tier aus anthropozentrischer Perspektive, indem sie eine anthropologische Differenz voraussetzen, so nimmt Mechtilde Lichnowsky eine Perspektive ein, welche im Verständnis der Cultural Animal Studies die herkömmliche Dichotomie von Mensch und Tier in Frage stellt, Tiere vielmehr als Akteure oder Compagnons versteht und sie als „aktiv Mitwirkende an speziesübergreifenden Gemeinschaften“ darstellt. Ihre „Koevolution von Mensch und Hund“ gipfelt in der Bezeichnung eines „Überhunds“.
Ein Vergleich von Lichnowskys An der Leine mit Thomas Manns Herr und Hund wird die unterschiedliche Blickrichtung, die daraus resultierende Konsequenz einer innovativen Darstellung und die Besonderheiten des Exils verdeutlichen.  



Günter Häntzschel, Prof. em. für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität München; Forschungsschwerpunkte: Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, Sozialgeschichte, die 1950er-Jahre. Buchpublikationen über Annette von Droste-Hülshoff, Johann Heinrich Voß, Gottfried August Bürger, Lyrikanthologien des 19. Jahrhunderts, Bildung und Kultur bürgerlicher Frauen; Deutschsprachige Buchkultur der 1950er Jahre; Annette Kolb: Werke. 4 Bde. (mit Hiltrud Häntzschel, 2017); in Vorbereitung Mechtilde Lichnowsky: Werke. 4 Bde. (mit Hiltrud Häntzschel).
 

Buchcover An der Leine von Mechtilde Lichnowsky, Einbandentwurf von Renée Sintenis und E. R. Weiss. S. Fischer Verlag 1930

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